Chemikalienmanagement

Wie kann man das Thema „gefährliche Chemikalien“ verständlich kommunizieren? Johan Galster (Umweltinspektor der Stadt Kopenhagen) hat eine Antwort: „Zuerst weg mit dem Schlimmsten!“

Unter diesem Motto geht Johan Galster von der Stadt Kopenhagen gegen die Verwendung gefährlicher Chemikalien vor. Erfolge konnte er dabei in der Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Branchen wie dem Bausektor und dem Frisörhandwerk verzeichnen.

Mit Unternehmen über gefährliche Substanzen zu sprechen, kann sich als eine schwierige Angelegenheit herausstellen. Das Thema ist oft zu komplex und detailliert, dadurch ist es nicht einfach, Interesse zu wecken und den Ball ins Rollen zu bringen. Johan Galster, Chemieingenieur und Inspektor der Umweltabteilung der Stadt Kopenhagen, hat einen Weg gefunden, das Thema „Gefährliche Chemikalien“ für Menschen aller Berufe und Fähigkeiten verständlicher zu machen. Wir haben mit ihm über seine Methode gesprochen.

 

Erfolg durch Vereinfachung

 

Laut Johan wurde um das Jahr 2000 damit begonnen, den Einkauf, insbesondere von Baumaterialien und Bauleistungen umweltfreundlicher zu gestalten. Die Regeln dafür sollten leicht zu verstehen und sofort umsetzbar sein, so die damalige Forderung des Stadtrats.

Die ersten Beschaffungsregeln enthielten eine „Liste der unerwünschten Substanzen“, die auf eine Initiative der dänischen Regierung zurückging. Auf ihr waren 40 Chemikalien verzeichnet, die begrenzt werden sollten. Leider hatten nur wenige dieser Chemikalien eine Relevanz im Bausektor und schon die chemischen Namen waren für Nicht-Chemiker schwierig zu verstehen. Da diese Grundlage kompliziert und teilweise irrelevant war, zeigten die Regeln erst einmal keine Wirkung.

Es dauerte lange, doch im Jahr 2016 wurden endlich neue „Umweltgrundsätze“ für das Bauwesen veröffentlicht. In dieser Überarbeitung wurde beschlossen, die ursprüngliche Liste zu vereinfachen, indem sieben leicht verständliche Kategorien definiert wurden, die im Bauwesen relevant waren. Der Ansatz heißt nun „Hit the Worst First“ (etwa: Zuerst weg mit den Schlimmsten).

„Im Bauwesen gibt es Hunderte oder gar Tausende verschiedener Chemikalien. Einige von ihnen sind ziemlich gefährlich; einige von ihnen sind nur problematisch. Meine Aufgabe war es, die Schlimmsten zu identifizieren. Wir haben uns entschieden, die nicht ganz so gefährlichen Chemikalien erst einmal zu akzeptieren, da wir nicht alles gleichzeitig bekämpfen können. Aus diesem Grund haben wir zuerst mit dem angefangen, war wir als besonders bedenklich eingestuft haben. Dies ist eine Methode, die man auch in anderen Bereichen anwenden kann „, sagt Johan.

Sobald die Regeln festgelegt waren, wurden sie Teil der Beschaffungsprozese für das Hoch- und Tiefbauwesen. Wenn Unternehmen sich also für ein Projekt in der Stadt Kopenhagen bewerben wollen, müssen sie in ihren Angeboten diese Regeln einhalten.

„Natürlich müssen wir manchmal Ausnahmen machen. Wenn es keine realistischen Alternativen gibt oder die Alternativen exorbitant teuer oder z. B. nicht effizient sind, können die Ingenieure ein unerwünschtes Material auswählen. Dafür brauchen sie aber gute Argumente. Dann können wir entscheiden, ob sie es verwenden dürfen“, erklärt Johan die Hauptprinzipien des Ansatzes.

 

Unterschiedlicher Branchen – gleicher Ansatz

 

Das Prinzip „Zuerst weg mit dem Schlimmsten!“ wurde danach auf eine völlig andere Branche übertragen: das Frisörhandwerk. Johan entwickelte die Idee des grünen Frisörsalons (Grøn Salon). Es handelt sich um ein Netzwerk, in dem sich die Mitglieder dazu verpflichten, keine Kosmetika oder Behandlungen mit besonders schädlichen Chemikalien zu verwenden. Die Salons werden jährlich kontrolliert und mit einem Umweltzeichen zertifiziert.

„Der Unterschied ist, dass die „Grünen Salons“ freiwillig teilnehmen. Sie arbeiten unentgeltlich mit uns zusammen und zahlen 500 Euro pro Jahr für die Inspektion und Beratung. Im Allgemeinen tun sie viel mehr als wir verlangen, weil sie sich bemühen, sich stetig zu verbessern. Denn die Frisöre haben sehr mit Allergien und Asthma zu kämpfen. Sie müssen etwas unternehmen, um ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen zu können. Und hier bietet der Grüne Salon die Möglichkeit, die Chemikalienbelastung zu reduzieren. Die Frisöre sehen ja Konsequenzen für sich selbst und ihre Kunden: es gibt wenig andere Branchen, in denen die Angestellten so häufig mit berufsbedingten Krankheiten zu tun haben. Das wollen sie nicht weiter akzeptieren und müssen deshalb etwas unternehmen, um auch zukünftig im Geschäft zu bleiben“, so Johan.

Das Programm „Grüner Salon“ wurde in den letzten 12 Jahren nicht nur in Dänemark, sondern in ganz Skandinavien und in mehreren anderen Ländern umgesetzt. Es vereint mittlerweile 65 Salons mit 250 Frisören und tausenden von Kunden. Es ist das einzige Zertifizierungssystem für sichere und umweltfreundliche Frisöre weltweit. Dank dieses Programms wissen die Kunden genau, was sie in diesen Salons bekommen (bzw. welchen Gefahren sie nicht ausgesetzt sind).

„Die Forschung hat gezeigt, dass 60 Prozent der Frisöre in irgendeiner Form unter den Chemikalien leiden, die sie an ihrem Arbeitsplatz verwenden. 80 Prozent der so Betroffenen können ihren Beruf weiter ausüben, nachdem sie ein Grüner Salon geworden sind. Das liegt auch am Prinzip „Zuerst weg mit dem Schlimmsten“. Wir haben ein paar extrem gefährliche Chemikalien ins Visier genommen und aus den grünen Salons verbannt – und das hat funktioniert. Natürlich wäre es auch schön bspw. auf Parfüm zu verzichten. Duftstoffe bereiten bisweilen gesundheitliche Probleme, aber ernsthaft krank wird man davon in aller Regel nicht. Bei unserer Bewertung sind die anderen Chemikalien deshalb erst einmal wichtiger „, erklärt Johan.

Grundlage des Programms ist eine Substanzliste, auf der diejenigen Stoffe aufgelistet sind, die in Grünen Salons nicht verwendet werden dürfen. Darüber hinaus umfasst das Programm weitere Umweltaspekte: die Weiterbildung von Frisören, eine jährliche Inspektion und die Beratung von Lieferanten. Insgesamt ist das Programm somit auch ein Beispiel für einen vorbildlichen Dialog entlang der Lieferkette.

„Zuerst weg mit dem Schlimmsten!“ ist Johans Rat für alle Branchen. Aber trotz des eingängigen Mottos: Weiter käme man nur mit „sehr guten und klaren wissenschaftlichen Argumenten“, ergänzt er noch, lachend, ganz am Ende unseres Gesprächs.

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